Scroll to the next: Pageflow

Pageflow. So heißt eine mögliche Antwort auf die Frage „Wie geht Journalismus im Internet?“. Mit dem beim WDR entwickelten Tool experimentieren inzwischen medienübergreifend viele Redaktionen herum. Mit unterschiedlichen Ergebnissen. Mich überzeugt davon keines so richtig.

Das Grundprinzip ist klar. Pageflow versucht unterschiedliche journalistische Elemente zu verbinden: Video, Foto, Audio & Text. Multimedia deluxe. Dem Ganzen liegt eine Scrollytelling-Idee zu Grunde. Der Nutzer scrollt oder wischt sich durch die Szenerie.
Was mich daran stört:

1. Die Gleichförmigkeit
Bislang sind die Variationsmöglichkeiten überaus gering. Die Basis bildet fast immer ein großes Hintergrundbild oder -video. Darüber gibt es mal mehr, mal weniger Text. Als Autor kann ich entscheiden, ob er rechts- oder linksbündig sein soll, das war’s dann mit Varianten. Es gibt zwar Blogseiten, die vom Aufbau etwas anders sind, aber auch hier halten sich die Anpassungsmöglichkeiten in Grenzen.
Im Großen und Ganzen sieht jedes Pageflow-Projekt gleich aus.

2. Das Tool bestimmt die Geschichte
Auch inhaltlich lässt sich wenig ausprobieren, insbesondere was die Erzählrichtung angeht. Um es mit Deichkind zu sagen: Scroll to the next. Bei Pageflow geht es immer nur in eine Richtung. Natürlich kann ich zurück scrollen und innerhalb des Projekts auch zu bestimmten Seiten springen. Dies ist aber teils mühsam und sprengt oft die vorgefertigte Optik. Von hinten durch die Brust ins Auge ist selten schön. Und inhaltlich macht es eben auch keinen Sinn.
Und ja, auch Radio funktioniert linear, ich kann an keiner Stelle abbiegen und entscheiden, in welche Richtung es weiter geht. Aber gerade das ist es, was meiner Meinung nach den Reiz der Onlineumsetzung ausmachen sollte: Die Möglichkeit Dinge anders zu erzählen. Mögliche Seitenstraßen einbauen, sodass die Konsumentin ihren eigenen Weg finden kann. Bei Pageflow ist das leider nicht möglich, es geht nur in eine Richtung.
Dies hat mich definitiv auch bei unserem Projekt gestört, das letztlich aus meiner Sicht thematisch nicht für Pageflow geeignet war. Und das ist der Punkt: Nicht jede Story passt in dieses Schema, trotzdem wird vieles dort hineingepresst.

3. Die Optik
Die großen Hintergrundbilder/-videos sind schick. Aber sie funktionieren oft nicht im Zusammenspiel mit Text, was vor allem eine Anwendungsfrage ist. Bilder müssen exakt so aufgenommen werden, dass der Text optimal platziert werden kann. Ein unruhiger Hintergrund macht Text einfach sehr schwer lesbar. Zudem stimmen oft die eingestellten Farbverläufe nicht. Der Hintergrund ist zu hell, um den weißen Text zu lesen oder zu dunkel um den schwarzen Text zu lesen. Bunte Bilder verlieren durch diese Verlaufeffekte oft an Wirkung. Eine gute Bildauswahl habe ich bisher nur bei wenigen Projekten gesehen.
Wo es meiner Meinung nach fantastisch funktioniert ist im Projekt „Stumme Zeitzeugen“, Teil 1: Unter Tage. Durch das Spiel mit Licht und Schatten ist hier ein großartiger Effekt geschaffen worden.
Schier wahnsinnig macht mich dieser Hintergrund im Projekt „Das Vernetzte Auto“ der Computerwoche. Die Bewegung hat auf mich die gleiche Wirkung wie blinkende Anzeigen bei Spiegel Online: Ich kann mich überhaupt nicht mehr auf den Text konzentrieren.

4. Automatisch startende Videos/Audios
Die blinkenden Werbebanner waren schon ein gutes Stichwort. Die gleiche Akzeptanz bringe ich automatisch startenden Multimedia-Elementen entgegen. Macht es aus!
Ich hasse nichts mehr, als in meinen 15 offenen Tabs erst einmal nach der Quelle von Tonelementen suchen zu müssen. Gerade dann, wenn man den Link zum ersten Mal öffnet und plötzlich düdelt es irgendwo los. Es mag eine sehr subjektive Abneigung sein, die ich aber mit vielen aus meinem Bekanntenkreis teile. Daher glaube ich, dass derartige Elemente verschreckend wirken können.
Oft genug passen zudem Textlänge und automatisch startendes Audio überhaupt nicht zusammen. Eine Person redet bereits munter vor sich hin, während ich noch nicht einmal den einleitenden Text gelesen habe. Zack – Seite weg geklickt.

 

Ein klarer Pluspunkt von Pageflow ist die leichte Bedienbarkeit. Die Oberfläche ist extrem nutzerfreundlich gestaltet und weitgehend selbsterklärend. Darin liegt aber glaube ich auch eine Gefahr. Denn trotz einfacher Bedienbarkeit erfordert ein gutes Projekt eine Menge Hirnschmalz – vor allem im Vorfeld. Pageflow ist kein Beiwerk, sondern erfordert gerade was Foto- und Videomaterial angeht eine gesonderte Herangehensweise. Das Entwicklungslabor des MDR hat bisherige Lehren aus der Arbeit mit Pageflow zusammengefasst. Definitiv lesenswert.

Am Ende bindet eine Pageflow-Umsetzung sehr viele Kräfte und in vielen Fällen bin ich mir nicht sicher, ob das Ergebnis diesen Ressourceneinsatz rechtfertigt. Vor allem stellt sich aus meiner Sicht die Frage, inwieweit Pageflow-Projekte überhaupt von NutzerInnen angenommen werden. Hierzu würden mich Zahlen aus den Redaktionen sehr interessieren – so es sie denn gibt. Wenn sich die aufwendig produzierten Dinge überhaupt niemand anguckt, ist ihr Mehrwert gleich null. Dann bleibt es am Ende lediglich der Versuch, den NutzerInnen ein für uns Journalisten halbwegs leicht bedienbares Tool überzustülpen. Und dieser Versuch kann nur scheitern.