„Israel ist nicht Tel Aviv“

Vom 29. Mai bis 9. Juni 2016 war ich als Teil einer Gruppe junger JournalistInnen auf einer Studienreise der Bundeszentrale für politische Bildung in Israel und Palästina unterwegs. Meine Eindrücke verarbeite ich in verschiedenen Texten.
Nummer 1:
Tel Aviv.


 


Keine Lust zu lesen? Vorlesen lassen!

Wellen rauschen auf den feinen Sandstrand von Tel Aviv. Das Meer ist unruhig. Obwohl die Sonne strahlt und nur ein leichter Wind weht, haben die Wellen hier genug Kraft, um unbedarfte Badegäste von den Beinen zu spülen. Es ist später Abend, der Himmel hängt dunkel über uns. Mit blinkenden Lichtern nimmt eine Passagiermaschine Kurs auf den Flughafen Ben Gurion. Alle paar Minuten ein weiteres Flugzeug, wie Bienen, die in ihren Stock zurückkehren. Die Luft riecht nach Salzwasser. Am Straßenrand steht ein junger Mann mit seiner Gitarre und singt Bowie. „Ground Control to Major Tom…“

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Der Strand von Tel Aviv bei Nacht

Es ist ein wunderschöner Abend. Mild. Und dennoch – die Promenade ist fast menschenleer. Drei Angler sitzen auf einer Mole und haben ihre Schnüre ausgeworfen, ein Pärchen knutscht auf den Felsen. Gelegentlich kommen Jogger vorbei. Bereits am Nachmittag war es ähnlich ruhig. Touristen scheinen hier so gut wie gar nicht unterwegs zu sein, trotz des malerischen Badestrands. Es sind Einheimische, die es sich gut gehen lassen. Ganz in Ruhe.

Tel Aviv war immer die Stadt am Meer, erzählte Itzik, unser Guide, am Nachmittag, als wir im Reisebus durch die völlig verstopften Straßen geschaukelt wurden. Aber es sei immer die Stadt mit dem Rücken zum Meer gewesen, ohne wirklichen Kontakt zur See. Seit dem Bau der neuen Promenade sei es anders. Nun sei Tel Aviv die Stadt mit den Augen zum Meer.

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Für mich ist der Strand vor allem ein Ruhepol in dieser wuseligen vor sich hin puckernden Stadt. Die Straßen sind stets verstopft, eigentlich kann man viel besser zu Fuß von a nach b gehen, motorisiert kommt man ohnehin nicht weit. Öffentlicher Nahverkehr? Ja. Busse. Stehen auch im Stau. Wie die Kinderschuhe einem Heranwachsenden zu klein werden, ist Tel Aviv seiner Infrastruktur entwachsen. Und tut es weiter. Die Skyline zeigt nicht nur zahlreiche, durchaus futuristisch anmutende Hochhäuser. Sie zeigt vor allem Baukräne. Überall.

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Wir sind wenige Tage vor der Gay Pride Parade in der Stadt. Überall wehen Regenbogenflaggen, gleich neben der israelischen Nationalfahne. Ein Gebäude mit Blick zum Strand ist besonders bunt geschmückt. Es ist die amerikanische Botschaft.
Kritiker werfen Israel „Pinkwashing“ vor. Bewusstes Zelebrieren einer scheinbar liberalen Gesellschaft, in der Homosexualität total dazu gehört, um von anderen Problemen und Ungerechtigkeiten (im Umgang mit Palästinensern und Minderheiten) abzulenken. Das mag sein. Es würde zur Widersprüchlichkeit dieses Landes passen.

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Die amerikanische Botschaft

„Egal, was man euch sagt, im nächsten Satz wird man euch wahrscheinlich das Gegenteil sagen.“, hat uns Anita vorgewarnt. Sie organisiert unsere Reise mit und fügt hinzu: „Wenn man auf der Suche nach Konflikten ist, ist man hier an der richtigen Stelle.“
Konflikte – da ploppt sofort das Stichwort „Nahost-Konflikt“ im Kopf auf. Besatzung, Zweistaatenlösung, Gaza-Krieg, Attentate, Terror. Doch dieser aus westlicher Sicht so dominante Konflikt ist bei weitem nicht der einzige, der das Land beschäftigt. Bei den internen Konflikten in Israel geht es vor allem um Identität. Israelis debattieren intensiv, was es denn nun heißt, Israeli zu sein. Das Land ist ein jüdischer Staat, soviel ist vom Selbstverständnis her klar. Aber wieviel Religion soll diesen Staat prägen? Säkulare, traditionelle und (ultra)orthodoxe Juden streiten seit Jahrzehnten darüber und das durchaus intensiv.

Ein Streit, der sich zum Beispiel im Schulsystem erkennen lässt, das die unterschiedlichen Interessen sehr offensichtlich widerspiegelt. Es gibt staatliche Schulen mit säkularer Prägung sowie staatlich-religiöse Schulen, wo verstärkt religiöse Inhalte vermittelt werden. Daneben gibt es zahlreiche private Einrichtungen – und es gibt die staatlichen arabischen Schulen. Dort wird nicht auf Hebräisch gelehrt, sondern auf Arabisch. Hebräisch kommt später als Fremdsprache hinzu. Die gesellschaftliche Teilung wird auf diese Weise weiter geführt, denn jeder „Gruppe“ schickt ihre Kinder auf die Schule, die der eigenen Einstellung entspricht. Säkulare und religiöse Kinder lernen getrennt und jüdische und arabischer Kinder sowieso. Die Segregation der Gesellschaft setzt sich so bei nachfolgenden Generationen fort.
Zu diesen religiösen Konflikten kommen soziale Spannungen zwischen askenasischen und mizrachischen Juden. Von den Verwerfungen zwischen den politischen Spektren will ich gar nicht erst anfangen. Kurzum: Israel ist eine vielfältige Gesellschaft mit großen Unterschieden. Oder wie Moshe Lifshitz, ein junger Ultraorthodoxer, es in der Diskussion mit unserer Gruppe formulierte: „In diesem Land fühlt sich jeder wie eine Minderheit.“ Gerade deshalb wird über die Frage was israelische Identität ist wohl so gestritten.

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Enge Gassen in Jaffa

Die Vielfältigkeit Israels lässt sich in Tel Aviv besonders gut im südlichen Stadtteil Jaffa beobachten. Entlang der Strandpromenade ist man zu Fuß in wenigen Minuten am Hafen von Jaffa, einem der ältesten der Welt. Ägypter, Phönizier, Griechen, Römer – viele antike Kulturen haben hier ihre Spuren hinterlassen. Während das Stadtbild Tel Avivs mit seinem weit verbreiteten Bauhausstil und den zahlreichen Hochhäusern futuristisch und modern wirkt, findet man in Jaffa eine echte Altstadt mit vielen schmalen Gassen. Hippe Restaurants und kleine Einkaufsgeschäfte liegen Tür an Tür mit Steinofenbäckereien und einem Basar.

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Das Nachtleben von Jaffa

Hier durchgerockte Häuser, deren Bausubstanz vor sich hin bröckelt, eine Straße weiter hat bereits die Gentrifizierung für eine neue strahlende Sandsteinfassade gesorgt. In Jaffa leben viele arabische Israelis – oft in direkter Nachbarschaft zu jüdischen. Hier gibt es auch eine der wenigen Hand in Hand-Schulen, in denen jüdische und muslimische Kinder gemeinsam lernen.

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Vorbei an der größten Moschee der Stadt geht es den Hügel hinauf zum Kloster St. Peter mit seiner großen Kirche. Alles nah beieinander, irgendwie Teil eines Ganzen. Ein vielfältiger Ort, der verschiedene Kulturen vereint und irgendwie auch westlich erscheint.
Tel-Aviv ist Israel. Aber Israel ist nicht Tel-Aviv. Ich höre es so oder ähnlich mehrfach auf dieser Reise.
Und es stimmt.
Leider.

 

Dieser Text wäre jetzt zu Ende – und er würde ein sehr harmonisches Bild dieser Stadt hinterlassen, wie es meinen Eindrücken der ersten Tage absolut entspricht. Doch am 8. Juni schossen zwei palästinensische Attentäter im Tel Aviver Sarona Park um sich und töteten dabei vier Menschen. Viele weitere wurden verletzt. Der Anschlag traf das von mir als so bunt und so weltoffen beschriebene Nachtleben in einer Stadt, in der Terror weit weg scheint. Natürlich war uns allen in der Reisegruppe klar, dass wir uns in einem Land befanden, das bewaffnete Konflikte austrägt. Zum Zeitpunkt des Anschlags waren wir in Jerusalem. Unser letzter Abend in diesem Land, das so widersprüchliche Eindrücke bei uns hinterlassen hatte. In dem wir uns trotz aller Konflikte so sicher fühlten, obwohl mögliche Risiken ein Dauerthema waren. Ausflug nach Ramallah – geht das? Lässt die Sicherheitslage das gerade zu? Können wir auf die Golanhöhen oder gibt es da irgendwelchen Ärger? Deutsche Gründlichkeit & Vorsicht. Und trotzdem fühlte sich hier überhaupt nichts gefährlich an. So ist Terrorismus. Er trifft dich, wenn du dich sicher fühlst und erschüttert dich, wirft dich aus der Bahn.
Die Kunst ist, diese Bahn wieder zu finden. Wo, wenn nicht in Tel Aviv.

 

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