Frieden oder Sicherheit?

„Peace is not the most important value.“ – sagt Professor Efraim Inbar, Direktor des Begin Sadat Centers for Strategic Studies an der Bar-Ilan Universität. Es ist dieser Satz des Treffens am vierten Tag unserer Reise, der wohl am nachhaltigsten nachwirkt. Gleichzeitig bringt er unsere wohlige Tel Aviv-Blase zum Platzen. Die Realität hat angerufen und möchte uns etwas über Realpolitik erzählen…

„The Begin-Sadat Center for Strategic Studies advances a realist, conservative, and Zionist agenda in the search for security and peace for Israel.“

„Today, the Center leads an attempt to introduce creative thinking about alternatives to the entrenched two-state paradigm in Israeli-Palestinian peace diplomacy.“

Prof. Inbar spricht mit uns über die sicherheitspolitischen Gefahren, denen Israel aus seiner Sicht zu begegnen hat. Ganz weit oben auf dieser Liste: Die nukleare Bedrohung durch den Iran.
Aus Syrien droht seiner Meinung nach keine Gefahr, das Land existiere nicht mehr. „You can make an egg an omlett. But you can’t make an omlett become an egg again.“
Inbar ist ein Mann markiger Sprüche, er argumentiert mit Überzeugung in der Stimme, redet sich hier und da fast ein wenig in Rage. „Dilemma“ ist eines seiner meist verwendeten Worte, insbesondere wenn es um den Konflikt mit den Palästinensern geht. „We have no partner.“ – niemanden, mit dem man auf palästinensischer Seite verhandeln könnte, wiederholt er mehrfach.
Verhandeln über Frieden – so wird das europäisch sozialisierte Gehirn an dieser Stelle denken. Doch Inbar macht klar, dass das nicht das Interesse der israelischen Sicherheitspolitik ist und sein darf. Es geht um Sicherheit für Israel. Und für ihn sind Frieden und Sicherheit zwei unterschiedliche Paar Schuhe.

Genau das ist zentral um israelische Politik zu verstehen. Frieden ist nicht das alleroberste Ziel der Bemühungen. Das heißt nicht, dass niemand Frieden will! Aber viel wichtiger ist – aus politischer Sicht – Sicherheit. Diese Erkenntnis lässt mich im Verlauf der weiteren Reise begreifen, wofür all die Zäune, die Mauern, die Kontrollen und die stets präsenten Schusswaffen da sind, die aus meiner deutschen Perspektive so befremdlich erscheinen und deren Effektivität ich vielleicht naturgemäß anzweifle. Es geht darum etwaigen Bedrohungen etwas entgegen zu setzen und die maximal mögliche Kontrolle über die Situation zu erlangen. Die Maschinenpistole, die locker auf den Beinen eines jungen Soldaten liegt, der am Eingang zum Tempelberg in Jerusalem Wache schiebt und gelangweilt auf sein Smartphone starrt. Die Grenzkontrolle auf dem Rückweg aus Ramallah, als zwei Soldaten durch unseren Bus gehen, um unsere Pässe zu begutachten. Die Waffe dabei halb im Anschlag. Shabbat an der Klagemauer, wo zwei Männer in zivil ihre Waffen offen am Körper tragen, während wenige Meter weiter eine Gruppe junger Mädchen jubelnd und singend im Kreis tanzt. Ich fühle mich bei einer derartigen Präsenz von Schusswaffen nicht sicher. Im Gegenteil: Es beunruhigt mich zutiefst.
Ich bin mit diesem mulmigen Gefühl ob der permanent präsenten Waffen in der Reisegruppe nicht alleine. Für viele Israelis ist genau das jedoch normal. Ausdruck der Notwendigkeit sich verteidigen zu müssen, vor allem aber der Fähigkeit sich verteidigen zu können.
Deutschland und Israel haben aus dem Zweiten Weltkrieg unterschiedliche Lehren gezogen, so vermitteln es uns viele der Gesprächspartner auf dieser Reise.
Für Deutschland ist die Lehre: Nie wieder Krieg. Frieden als höchste Maxime.
Für Israel ist die Lehre: Nie wieder Opfer sein. Es gibt niemanden, der uns verteidigt, wir müssen dazu selbst in der Lage sein. Und das jederzeit.
Sicherheit als nationales Ziel.

Für uns in Deutschland bedeutet Frieden Sicherheit (auch wenn sich dieses Verständnis gerade zu wandeln scheint). Für Israel bedeutet die Fähigkeit zur Verteidigung Sicherheit. Das nachzuvollziehen fällt mir schwer. Aber es zu begreifen erscheint mir wichtig, um Israels Position verstehen zu können. Auch wenn es im Land selbst viele gibt, die diese Einschätzung vielleicht nicht teilen und die sich mit Prof. Inbar wohl vortrefflich streiten könnten.