Limboland – Das Erbe der grünen Linie

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Ausgeschlachtete Autos, die rechts und links entlang der schmalen Straße übereinander gestapelt wurden. Seitentüren aufgeschichtet zu einem großen Haufen. Ein paar Meter weiter stapeln sich rucksackgroße Metallquader, zusammengepresst aus dem, was von den Autowracks übrig geblieben ist. Wertvolles Metall, fertig zum Export. Entlang der Straße hinein nach Ost-Barta’a erstreckt sich eine Art Friedhof für Fahrzeuge, die meisten von ihnen sind gestohlen.
Lydia Aisenberg, die uns durch das Dorf führen wird, erzählt eine Anekote, um zu zeigen, wie umtriebig die Vertreter dieses Geschäftsmodells agieren. Eines Tages sei ein Auto aus ihrem Kibbutz gestohlen worden und da sie die Bewohner von Barta’a gut kenne, sei sie hierhergekommen, um danach zu suchen. Auf die Frage, wo denn das gestohlenen Auto aus dem Kibbutz sein, hätten die Männer nur geantwortet: „Ähm. Aus welchem Kibbutz bist du noch gleich?“
An vielen Autos, die darauf warten zerlegt und zu Metallquadern gepresst zu werden, klemmen noch die Kennzeichen. Sie sind gelb. Israelisch.

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Theoretisch wäre es so ziemlich einfach zu beweisen, dass sie gestohlen sind. Aber die israelische Polizei hat hier keine Einflussmöglichkeit. Wir befinden uns auf palästinensischem Territorium. Hundert Meter weiter, im westlichen Teil der Stadt, beginnt israelisches Territorium.

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Eine Moschee in Barta’a

Wir steigen in West-Barta’a aus unserem Bus. Lydia schreitet energisch voran, weist uns an ihr zackig zu folgen. Die klein gewachsene 60-jährige ist gebürtige Britin, kam 1969 nach Israel. Heute ist die freie Journalistin bei Givat Haviva engagiert, einer Bildungsstätte, die sich für die jüdisch-arabische Verständigung einsetzt. Lydia macht viele Touren mit Touristen und kennt hier in Barta’a gefühlt jeden. Am Straßenrand warten drei Männer im Halbschatten und grüßen freundlich. Zielsicher steuert Lydia ein Teppichgeschäft an, unsere Gruppe watschelt im Gänsemarsch hinterher. Der Besitzer des Ladens macht zwischen großen Teppichrollen gerade ein Nickerchen, schnarcht leise vor sich hin. Also die ganze Gruppe bitte einmal zurück und.. – plötzlich ist Lydia irgendwie weg. Links durch die Tür hinein geschlüpft, die Treppe hinauf. Wir folgen etwas zögerlich, steigen durch das muffig riechende Treppenhaus rauf aufs Dach.

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Oben angekommen deutet Lydia auf zwei Häuser, die nicht allzu weit entfernt stehen. Ein blaues und ein orangefarbenes. Das blaue, erzählt sie, steht noch in West-Barta’a  und damit auf israelischem Territorium, gehört also zum Distrikt Haifa. Die Bewohner sind arabische Staatsbürger Israels. Das orangefarbene Haus steht in Ost-Barta’a, also auf palästinensischem Grund. Was die beiden Häuser trennt ist ein Graben, der zu dieser Jahreszeit trocken liegt. Er markiert den Verlauf der sogenannten „Grünen Linie“, jener Linie, die von 1949 bis zum Sechstagekrieg 1967 die Grenze Israels markierte. Jenseits davon lag das Gebiet unter der Kontrolle Jordaniens. Heute liegt jenseits dieser Linie das Gebiet der Palästinenser, das Westjordanland, Gebiet C, das heißt vom israelischen Militär kontrolliert.

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Der Grenzzaun unweit von Barta’a

Aber Moment, es gibt doch Sperranlagen zwischen israelischem Staatsgebiet und dem Westjordanland! Ja. Doch diese Sperranlagen verlaufen nicht deckungsgleich mit der Grünen Linie von 1949, sondern umschließen auch Gebiete, die Israel während des Sechstagekriegs erobert hat – insbesondere natürlich Ost-Jerusalem. Hier im Norden liegen die Sperranlagen deshalb weit östlich der grünen Linie im Gebiet der Westbank, um jüdische Siedlungen mit einzuschließen. Das hat jedoch zur Folge, dass die arabischen Siedlungen durch den Zaun vom Rest des Westjordanlandes getrennt sind. „Limboland“ nennt Lydia diesen Bereich, weil er weder so richtig zur Westbank gehört noch zu Israel. Ein Bereich, in dem israelische Behörden nichts zu sagen haben und in dem palästinensische Behörden keinen Zugang haben. Eine irgendwie absurde Situation. Denn die Menschen aus Ost-Barta’a können nicht mal eben so durch ihre Stadt spazieren – sie dürfen theoretisch nicht nach West-Barta’a. Wenn sie die grüne Linie überschreiten, ohne dafür eine Ausnahmegenehmigung zu haben, könnten sie festgenommen werden. Eine Linie, die optisch nicht sichtbar ist. Es gibt nirgendwo einen Zaun entlang dieser Linie, es gibt keine sichtbare Markierung. Man kann die Linie überschreiten ohne es zu merken.

Genehmigungen für ein Überqueren der Grenze und das Passieren der Sperranlagen haben viele Arbeiter, die unweit von Barta’a eine Art israelischer Trabantenstadt bauen. Ein einst kleines Dorf auf israelischem Territorium, unweit der grünen Linie, wird zu einer Kleinstadt ausgebaut. Frische, helle Wände leuchten in der Sonne, Kräne ragen in die Luft, große Plakate werben für günstigen Wohnraum, den man hier erstehen kann.

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Großbaustelle Harish

Harish soll Plänen zufolge einmal eine Stadt für bis zu 50.000 Einwohner werden. Ganze Transporter voller palästinensischer Arbeiter werden hierher gebracht, um die Gebäudekomplexe hoch zu ziehen. Aus Dörfern der Westbank werden die Männer in Kleinbussen zum Zaun transportiert, passieren dort den Grenzübergang, um dann auf israelischer Seite in den nächsten Kleinbus zu steigen. Die Fahrzeuge dürfen die Grenze nicht passieren – dafür braucht es eine extra Genehmigung.

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Ein großer Stein mit Inschrift kennzeichnet die grüne Linie inmitten einer Kreuzung in Barta’a

Zurück nach Barta’a. Von West-Barta’a in den Osten der Stadt zu gehen, ist für uns kein Problem, wir müssen nur aufpassen nicht über den Haufen gefahren zu werden. Egal ob West oder Ost, ob Israel oder Westjordanland, eines ist über die Grenzen und Konfliktlinien hinweg absolut einheitlich: Das Fahrverhalten. Hier fährt man gerne dicht auf, wer zuerst bremst, verliert und die Benutzung der Hupe scheint obligatorisch. Aber auch hier gilt: Schneller wird dadurch niemand.

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Die Straße in den Osten der Stadt

Nach dem Überschreiten der grünen Linie geht es recht steil die Straße hinauf, vorbei an Geschäften. Hier wird Gemüse verkauft, dort gibt es Jeans und Hemden, im nächsten Geschäft wartet Geflügel in engen Käfigen auf neue Besitzer. Hühner, Papageien, Kanarienvögel – schnell weiter, um dem Gestank von Vogelkot zu entrinnen.
Wir halten am Imbiss eines guten Bekannten von Lydia: Sadah*. Lydia versichert uns zwar, dass unser Kommen nicht abgesprochen war, aber man merkt sofort, dass die beiden es gewohnt sind, mit Besuchergruppen zu kommunizieren. Sie kennen sich gut. Dass Sadah heute einen Sohn hat, verdankt er Lydia und Givat Haviva, die sich dafür stark gemacht haben, dass der Palästinenser und seine Frau eine Fruchtbarkeitsbehandlung in Israel bekommen haben.
Fragt mich aus, fordert er uns auf. Lydia übersetzt vom Englischen ins Arabische und zurück. Während aus dem Imbiss der Geruch von Grillkohle nach draußen weht, verteilt ein Mitarbeiter von Sadah Plastikbecher und zwei Flaschen Wasser an uns.
Auf welcher Seite der grünen Linie er lieber wohnen würde, fragt jemand aus der Gruppe. Auf der anderen, sagt Sadah. Dort bringen sich die Menschen nicht gegenseitig um. Dort muss man keine Angst haben. Als wir schließlich weiter gehen wollen, hält er uns zurück, will noch etwas sagen. Lydia zögert, bevor sie für uns übersetzt, stellt eine Rückfrage an ihn. Er nickt. Lächelt. Er will uns danken. Dankt Deutschland. Dafür, dass wir so viele Flüchtlinge aufgenommen haben. So viele verzweifelte Menschen aus Syrien.

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Lydia & Sadah

Seine Dankbarkeit hat mich berührt. Sehr sogar. Dieser Mann, der die Wirren des Nahost-Konfliktes täglich erlebt, der mittendrin steckt und an diesem absurden Ort irgendwie zwischen den Fronten zu stecken scheint – er begegnet uns mit so viel Offenheit, Gastfreundschaft und Dankbarkeit. Ab diesem Moment kann ich dem, was Lydia erzählt, kaum mehr folgen, weil ich so in Gedanken versunken bin. Wir kommen an einer Schule vorbei, wo uns die Mädchen begeistert zuwinken.

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Schulkinder in Ost-Barta’a

Lydia erzählt etwas über die internationale Förderung der Einrichtung und welche Probleme es damit gibt. Wir nehmen den Graben in Augenschein, der die beiden Teile der Stadt voneinander trennt. Er liegt voller Müll. Wo keine öffentliche Verwaltung so richtig zuständig ist, da kümmert sich auch keiner darum den Unrat ordentlich zu entsorgen.
Im Osten das orangefarbene Haus, im Westen das blaue Haus. Dazwischen ein Graben voller Müll. Barta’a ist ein absurder Ort. Limboland, wie Lydia es nennt, steckt in einem merkwürdigen Zwischenzustand. Und bei all dem muss ich an Asterix und Obelix denken. Der große Graben, der das gallische Dorf trennt. Die einen, die Griesgramix als Häuptling wollen, die anderen, die Grobianix als Anführer bevorzugen. Absurd? Und wie.
Nur das hier niemand mit einem Zaubertrank kommen wird, um den Streit zu lösen.

 

*Die Schreibweise seines Namens ist wahrscheinlich falsch, ich habe törichterweise nicht danach gefragt.

 

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