Die Golanhöhen – Hinter dem Zaun lauert der Tod

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Ein rotes Dreieck auf gelbem Grund. Daneben in drei Sprachen die Warnung: Achtung Minen! Auf englisch, arabisch und hebräisch. Befestigt an Stacheldraht kennzeichnet das Schild eines der zahlreichen Minenfelder auf den Golanhöhen. Ron Shatzberg, unser Guide, kommentiert es halb scherzend, halb im Ernst: „Auf den Golanhöhen gilt die Regel niemals über einen Zaun zu klettern. Es ist zu gefährlich.“ Ron ist Oberst der Reserve der israelischen Armee. Bataillonskommandant. Außerdem arbeitet er bei einer NGO, ist spezialisiert auf Grenzfragen und grenzüberschreitende Kooperationen. An diesem Junitag führt er uns über die Golanhöhen, zeigt uns vor allem geopolitisch wichtige Punkte. Immer mit etwas zackigem Tonfall und unglaublich viel Hintergrundwissen. Während unser Bus sich die Serpentinen auf die Höhen hinauf wuchtet, kommen wir an zahlreichen Minenfeldern und alten Bunkern vorbei.

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Ron erzählt, dass wir gerade die demilitarisierte Zone verlassen haben, die nach Israels Unabhängigkeitskrieg 1949 entlang des südöstlichen Ufers des See Genezareth eingerichtet wurde. Bis 1967 wurden die hier gegründeten israelischen Dörfer immer wieder von höher gelegenen syrischen Posten angegriffen. Entlang der Straße sehen wir überall Überreste des Krieges von 1967, seit dessen Ende Israel die Golanhöhen besetzt hält, seit 1981 annektiert hat, was international jedoch nach wie vor nicht anerkannt ist.

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Ein großer Teil des über 1000 Quadratkilometer großen Gebietes ist noch immer vermint. Wir fahren nach Norden, vorbei an Feldern, auf denen frisch gemähtes Getreide in der Sonne trocknet. Wenige Meter weiter der nächste Zaun, der ein Minenfeld abgrenzt. In minenfreiem Gelände grasen Kühe auf trockenem Gras. Viele Bauern würden ihre Betriebe gerne erweitern, doch die Minenfelder machen das unmöglich. Zwar hat Israel schon viel in die Minenräumung investiert, doch es bleibt ein teures und zeitaufwändiges Unterfangen.
Über 20.000 Israelis leben auf den Golanhöhen. Die arabische Bevölkerung wurde nach 1967 vertrieben, einzig die Drusen durften bleiben. Sie leben im Norden, getrennt von ihren direkten Verwandten auf syrischer Seite durch eine hochtechnologisch gesicherte Grenze. Doch bevor wir uns diese genauer anschauen, wenden wir unseren Blick zunächst nach Westen.

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Der See Genezareth

Von einem Aussichtspunkt bei Kfar Haruv ergibt sich ein beeindruckender Blick über die Senke des See Genezareth. Blauer Dunst steigt über dem Tal auf, dennoch lässt sich kilometerweit schauen. Am westlichen Ufer erhebt sich Tiberias, eine 40.000 Einwohnerstadt. Im Norden des Sees liegt eine der zahlreichen historischen Stätten mit biblischem Bezug. Kapernaum – der Ort, an dem Jesus gelehrt haben soll, nachdem er Nazareth verlassen hatte. Direkt unter uns, am Ostufer des Sees, erstrecken sich zahlreiche Plantagen. Mangos, Datteln, Bananen. Das feuchtwarme Klima hier bietet perfekte Anbaubedingungen, der See genügend Wasser. Der Kinneret, wie in die Israelis nennen, ist das wichtigste Wasserreservoir Israels. Von hier wird Trinkwasser in blauen Rohren durch das trockene Land gepumpt. Ein Ort von enormer geopolitischer Bedeutung, den wir von einem Punkt aus beobachten, der eigentlich syrisches Gebiet wäre. Die Grenzlinie von 1949 verläuft am Hang zu unseren Füßen. Darunter israelische Plantagen. Wir stehen an einem Punkt, an dem die strategische Bedeutung der Golanhöhen mit bloßem Auge sichtbar wird. Wer die Kontrolle über die Höhen hat, sieht alles, was im Tal passiert.

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Der Ausblick über den Kinneret fasziniert viele BesucherInnen

Vom Westen führt unsere Tour über die Golanhöhen weiter in den Osten. Waren wir eben noch an der international anerkannten Grenze zwischen Israel und Syrien, befinden wir uns nun an der de facto Grenze im Osten der Golanhöhen. Von unserem Aussichtspunkt blicken wir auf das Dreiländereck Israel – Syrien – Jordanien, getrennt durch Täler.

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Das Dreiländereck Israel (im Vordergrund), Syrien (die Landzunge mit z.T. hellem Boden), Jordanien (bewaldetes Gebiet rechts im Bild)

Die syrische Landzunge mit der Gegend um die Stadt Ma’rbah stand bis vor kurzem unter der Kontrolle von Al-Nusra-nahen Gruppen. Inzwischen steht sie unter dem Einfluss von Einheiten, die Daesh nahe stehen sollen, dem selbsternannten Islamischen Staat. Offiziell ist in Israel deshalb niemand in Sorge, das versicherte uns wenige Tage zuvor noch Prof. Efraim Inbar, Direktor des Begin Sadat Centers for Strategic Studies an der Bar-Ilan Universität. Die Grenze sei viel zu gut geschützt, als dass die Islamisten eine Gefahr für Israel werden könnten und sowieso verfüge Daesh nicht über Raketen. Hier also keine Gefahr – anders als vielleicht im Süden des Landes, wo Daesh erheblichen Einfluss über die Sinai-Halbinsel erhalten hat und von dort aus den Zugang in den Gaza-Streifen sucht, wie der Sicherheitsbeauftragte der Region Eschkol uns berichtet hat.

Hier im Norden ist die Lage im Moment ruhig, es droht keine unmittelbare Gefahr. Und dennoch ist unser Guide Ron überrascht, als wir an unserem Aussichtspunkt hoch oben über dem Dreiländereck ankommen. Das Militär, das den Aussichtspunkt ebenfalls nutzte, hat einen kleinen Standort ausgebaut. Hohe Erdhügel bilden einen Kessel, in dem Militärfahrzeuge stehen, mehrere Soldaten wuseln um eine kleine Baracke herum. Ron wirkt etwas beunruhigt, bittet uns keine Fotos vom militärischen Bereich zu machen.

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Einer der Zäune, die vor dem Betreten eines Minenfeldes bewahren
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Im Hintergrund schimmert der Grenzzaun zu Syrien

Wir befinden uns auf einer Anhöhe, der eigentliche Grenzzaun zu Syrien befindet sich weiter unten im Tal. Er ist gut gesichert, niemand kommt hier einfach so über die Grenze. In vielen Bereichen der Golanhöhen ist dem Zaun ein Graben vorgelagert, der das Überqueren mit Panzern verhindern soll. Erst 2011 hat Israel zudem im Grenzbereich weitere Minen gelegt, um ein Überqueren durch Einzelpersonen zu verhindern. Von hier kommt niemand mehr so einfach von Syrien nach Israel hinein. Auch keine Flüchtlinge.

In die andere Richtung hat es im Oktober 2015 ein junger israelischer Araber geschafft. Mit einem Paragliding-Schirm ist er über das Tal hinweg nach Syrien geflogen, um sich dort der Rebellion anzuschließen.

Noch näher an die Grenze zu Syrien werden wir im Norden der Golanhöhen kommen. Die Fahrt dorthin dauert etwa eine Dreiviertelstunde. Wir passieren die alten Schlachtfelder, mit Wällen aus hastig zusammengetragenen Steinen. Überreste von Militärfahrzeugen rosten zwischen hohem Gras vor sich hin. Plötzlich: Ein Panzer zu unserer Linken.

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Weitere werden unsere Route säumen. Sie sind alt, haben ausgedient. Wurden als eine Art Köder zurückgelassen, erklärt Ron. Vielleicht auch als Mahnung?

Unser Ziel ist Majdal Shams, die größte der insgesamt vier drusischen Städte auf den Golanhöhen. In einem kleinen Restaurant essen wir zu Mittag – vielleicht 100 Meter von der Grenze zu Syrien entfernt. Es ist ein merkwürdiges Gefühl.

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Im Vordergrund: Häuser in Majdal Shams, dahinter der Grenzzaun. Am Hügel steht ein altes, verlassenes Postgebäude auf syrischer Seite.

Was für uns merkwürdig ist, ist für die Drusen ein Desaster. Sie werden durch die Grenze von ihren Verwandten auf syrischer Seite getrennt und müssen mit ansehen, wie diese unter den Folgen des Krieges leiden. Die syrischen Drusen gehören zu den Unterstützern Assads, da ihre Minderheit sich lange auf seinen Schutz verlassen konnte. Doch im Bürgerkrieg macht sie diese Solidarität nun zum Ziel von Islamisten und Assadgegnern. Zahlreiche Drusen wurden bei Überfällen und Attentaten getötet.

Die Drusen auf den Golanhöhen haben daher bereits mehrfach Geld gesammelt, um ihre syrischen Verwandten beim Kauf von Waffen zu unterstützen. Doch wie steht es um ihr Verhältnis zu Syrien und zu Assad? Bilder aus 2015 zeigen Majdal Shams geschmückt mit syrischen Flaggen und nur wenige Drusen besitzen die israelische Staatsbürgerschaft. Wir treffen den Journalisten Hamad Awidat, der uns erklärt, dass es auf diese Frage unterschiedliche Antworten gäbe. Gerade die älteren Drusen würden sich nach wie vor als Bürger Syriens verstehen. Die jüngere Generation habe aber keine Verbindungen mehr dorthin. Sie seien in Israel aufgewachsen und wollten auch weiter zu Israel gehören. Vor dem Krieg in Syrien sei das vielleicht anders gewesen, aber jetzt…

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Hamad Awidat in der Diskussion mit unserer Reisegruppe

Awidat wirkt bemüht Patriotismus für Israel zu zeigen. Fast zu bemüht. Er berichtet von seiner journalistischen Arbeit, die er mehrere Jahre als Korrespondent für den Iran bestritten hat. Das sei alles kein Problem gewesen, die Behörden hätten nichts dagegen gehabt, versichert er. Und die Bezahlung sei auch ganz einfach via internationaler Banküberweisung erfolgt. Dass die aber über Umwege zu ihm kommen, verschweigt Awidat.

Er habe dann aber mit dieser Arbeit aufgehört. Auch für sein Land, für Israel. Wieder der betonte Patriotismus, von dem im Spiegel-Artikel von 2012 noch nichts zu lesen ist. Und ja, die Drusen. Nun. Man sei ja eine Minderheit und als solche müsse man akzeptieren, was da Land, in dem man lebe, ausmache. Drusen in Israel akzeptierten Israel, so wie Drusen in Jordanien Jordanien akzeptierten, erwidert er auf kritische Nachfragen. Wirklich überzeugend wirkt er dabei nicht.

Doch was bleibt ihm übrig. In Syrien herrscht ein Krieg, dessen Ende nach wie vor nicht absehbar ist. Und sollten die Waffen jemals zum Schweigen gebracht werden, ist unklar, was von dem Land übrig bleibt. Die alten Grenzen gelten nicht mehr. Syrien existiert nicht mehr. Ein neuer Staat wird Jahrzehnte brauchen, um sich zu erholen. Ob Syrien je wieder Anspruch auf die Golanhöhen erhebt, beziehungsweise erheben kann, bleibt völlig im Unklaren. Der israelischen Regierung kommt das durchaus recht. Premierminister Netanjahu hat sein Kabinett im April erstmals auf den Golanhöhen zusammen gerufen. Eine Demonstration des Anspruchs auf diese Region, den er sogleich auch noch einmal in Worte fasste. Die Golanhöhen würden für immer Teil Israels bleiben, erklärte Netanjahu.

Vorerst sieht es so aus, als würde er damit Recht behalten.