Terror – Das Rauschen ertragen

Wie verarbeitet man Terror? Nach den Anschlägen von Paris und Brüssel haben wir uns alle diese Frage gestellt. In den Medien, im Bekanntenkreis. Die Antwort? Gar nicht. Man verdrängt ihn.

Als in Paris eine Handvoll Wahnsinniger 130 Menschen tötet sitze ich zuhause in Norddeutschland auf meinem Sofa. Den Laptop auf dem Schoß, ein Bier neben mir auf dem Tisch. Ich stöbere durchs Netz, parallel läuft irgendwas im Fernsehen. Plötzlich zeichnet sich da im Rauschen von Twitter etwas ab. In Paris ist etwas passiert. Erst sind es nur Gerüchte. Französischsprachige Tweets, die in meine Timeline gespült werden, erste Übersetzungen, die Böses erahnen lassen. Wie böse, das liegt zu diesem Zeitpunkt weit über meiner Vorstellungskraft. Unser aller Vorstellungskraft. Minute für Minute wird es konkreter. Bilder tauchen auf. Horrormeldungen aus dem Bataclan.

F5. F5. F5. Aktualisieren im Sekundentakt. Die Sehnsucht nach Information, die Hoffnung, dass Wissen irgendetwas besser machen könnte. Und das Entsetzen, das sich in der Brust breit macht und sich zu Sprachlosigkeit formt.
Es ist weit nach ein Uhr, als ich mit klopfendem Herzen ins Bett gehe, mich vor Sehnsucht nach Schlaf hin und her wälze.
Was ist passiert? Was wird passieren?
Eigentlich habe ich Wochenende. Doch ich finde keine Ruhe, steige also am nächsten Tag in mein Auto und fahre die mehr als 300 Kilometer zur Arbeit. Ich will etwas tun. Verarbeitung durch Arbeit. Einen professionellen Umgang damit finden und auf diese Weise eine Art Distanz.

Die Tage danach sind angespannt. Viele Fragen werden gestellt, aber nur wenige Antworten gefunden. Viele Worte werden gesagt, aber nur wenige davon haben Substanz. Terrorangst und Flüchtlingsdebatte vermischen sich. Willkommenskultur und Xenophobie prallen aufeinander.
Dann kommt die Silvesternacht von Köln und der Irrsinn eskaliert. Argumente spielen keine Rolle mehr. Wie will man da noch diskutieren?

Es ist der 22. März 2016.
Ich sitze beim Frühstück, lausche dem Radio und scrolle durch meine Timeline. Plötzlich: Ein Bild vom Brüsseler Flughafen. Rauch steigt über der Abflughalle auf, heißt es in dem Tweet einer Wissenschaftlerin eine Think Tanks. Ich folge ihr erst seit dem Vorabend. Es ist kurz nach 8 Uhr, noch ist nichts Genaueres bekannt. Das Rauschen beginnt erst, wird langsam anschwellen. Ich schnüre meine Schuhe zu und nehme das Auto zur Arbeit. Geht schneller. Eigentlich muss ich erst später da sein, aber was soll’s. Es liegt etwas in der Luft und ich will nicht warten, dass es kommt, ich will etwas tun. Ab 9 Uhr konkretisieren sich die Meldungen. Wir öffnen das Programm. Sondersendungen.

Brüssel. Die Straßen, durch die ich wenige Monate vorher noch selbst getingelt bin, sind jetzt abgesperrt. Mein Kollege ist mittendrin, reportiert von der Metrostation. So nah.

Zwei Fragen: Warum? Und was nun?

Für eine Antwort auf das „Warum?“ empfehle ich Peter Neumanns Buch „Die neuen Dschihadisten“.
Und nun? Tja.
Etwas mehr als ein halbes Jahr nach Brüssel stehen wir in Europa vor einem Haufen Scherben. Die europäische Union ist gespalten, Großbritannien will erst gar nicht mehr mitmachen. Nationalismus scheint sich als Konzept wieder zu etablieren, getrieben von den Ängsten der Bürgerinnen und Bürger, die wiederum befeuert werden von Populisten. Ein Erfolgsrezept, das rechte Parteien perfektioniert haben und das inzwischen von einstigen Volksparteien adaptiert wird.

Wie haben wir den Terror verarbeitet? Gar nicht. Wir haben ihn instrumentalisiert. Haben die eigentlichen Probleme verdrängt und führen stattdessen interessengeleitete Scheindebatten. Wollen die Vollverschleierung verbieten und nennen es eine Debatte über innere Sicherheit. Ja, die Vollverschleierung ist auch Kennzeichen einer Radikalität, über die wir dringend reden müssen. Doch miteinander, nicht übereinander. Aber Miteinander erfordert Umsicht und eine gewisse gegenseitige Akzeptanz. Miteinander zu reden ist der anstrengendere Weg. Übereinander zu reden ist viel leichter. Verbaler Terror, der immer mehr Angst produziert.

Seit einem knappen Jahr arbeite ich nun im Aktuellen. Und für mich persönlich habe ich noch keine echte Antwort auf die Frage gefunden, wie ich den Terror gut verarbeiten kann. Verdrängen, ja. Sobald die Gefahr nicht mehr aktuell scheint, denkt man weniger darüber nach. Doch kaum wird sie aktuell, ist alles wieder da.

22. Juli 2016 – ich bin auf der Autobahn unterwegs in den Norden. Plötzlich piept das Handy. Eilmeldungen. In München ist etwas passiert. Es rauscht. Enorm. Nichts scheint klar. Kurz darauf komme ich bei meinem Freund an. Sein Bruder lebt in München. Wir versuchen herauszufinden, wo er ist. Ich kontaktiere eine Freundin, die ebenfalls dort lebt. Seid ihr okay? Das Fernsehen zeigt nur Mist und Spekulation. Aus.

Es war kein islamistischer Terror, aber für die Angst spielt das keine Rolle. Die geht durch Mark und Bein. Kurz darauf: Würzburg. Dann Ansbach. Eilmeldungen, Eilmeldungen, Eilmeldungen. Und der immer stärker werdende Wunsch nach Ruhe. Plötzlich erzeugt jede noch so kleine Schießerei ein gewaltiges Rauschen. Was vorher höchstens in die Kategorie „Sex & Crime“ fiel, scheint relevant. Schüsse hier, Schüsse da, Tote hier, Tote da. Die ganze Schlechtheit der Welt, plötzlich ist sie eine Eilmeldung wert. Alle scheinen hypersensibel. Es könnte ja mehr dahinter stecken. Und gleichzeitig dieser Wunsch: Bitte nicht.

Verdrängung ist da wohl die natürliche Reaktion.