Gedanken über das Gedenken

Der Straßendienst hat zusammengekehrt. Zurück geblieben ist ein kleiner Haufen aus Schmutz, Rollsplit und Zigarettenkippen. Drum herum sauberes Steinpflaster, das im Sonnenschein dieses kalten Wintertages strahlt.
Nur wenige Meter weiter, direkt an der Straße, abgeschirmt nur durch ein paar provisorische Stellwände, steht ein rotes Meer aus Grableuchten, aus dem Blumen hervorragen. Jemand hat einen frischen Strauß Tulpen abgelegt. Eine ältere Frau in dicker Winterjacke mit Fellkragen bleibt stehen, zupft die handgeschriebenen Botschaften zwischen den zum Teil schon verdorrten Blumen hervor. Sie liest jede einzelne, bevor sie sie zurücklegt, zwischen den Grableuchten, die zum Teil umgefallen waren, neu ordnet. Einen laminierten Zettel mit der Botschaft „No Terror!“ drappiert sie gut sichtbar in der Mitte. So arbeitet sie sich voran, bis nach vorne zu den Gedenkplakaten. Der Schaustellerverband hat sie auf Holzständern platziert, gedenkt darauf der Opfer des Anschlags vom Breitscheidplatz. Jemand hat einen Aufkleber von Papst Johannes Paul II. in die Ecke des rechten Plakates geklebt. Auch die Stellwände, die Straßenlärm abschirmen, sind vom Schaustellerverband. Mit tiefrotem Kunststoff bespannt, auf den mit goldener Farbe ein Weihnachtsmannschlitten gedruckt wurde. Auf der Rückseite, zur Straße hin, hat jemand mit Kabelbildern ein laminiertes Protestschild befestigt und klagt den mangelnden Erinnerungswillen der Berliner Politik an. Auf einem in Klarsichtfolie gesteckten Zettel zwischen den Blumen fordert jemand einen Staatsakt für die Verstorbenen.
An diesem sonnigen Freitag kommen immer wieder Passanten vorbei. Die meisten bleiben stehen, nehmen sich einen Moment Zeit, um wenigstens ein paar der Botschaften zu lesen und zücken dann ihr Handy, um ein Foto von der Szene zu machen. Ein junger Mann in Turnschuhen möchte alles ins Bild bekommen, tritt ein paar Schritte zurück und dabei fast in den Haufen Dreck, den die Straßenreinigung hinterlassen hat.

Es ist eine merkwürdige Szenerie. Auf der anderen Straßenseite das hippe Einkaufszentrum, in Beton gegossene, neoliberale Gleichgültigkeit. Hinter mir die Gedächtniskirche, die mahnend in den Himmel ragt. Und ein paar Meter weiter schon vom nächsten Hochglanzhochhaus überragt wird. Der sauber geputzte Platz, ein paar schiefe Stellwände und viele verdorrte Blumen.
Das ist alles?
Am 19. Dezember sind hier 12 Menschen gestorben und das ist alles, was Berlin auffährt, um über ihren Verlust zu trauern?
Das ist ganz schön dürftig.

Der Trauerort am Breitscheidtplatz ist alles, was in dieser Stadt daran erinnert, dass etwas passiert ist. Man merkt es Berlin nicht an, dass hier vor wenigen Wochen ein Terroranschlag stattgefunden hat. Keine Spur von „German Angst“, eher eine große Portion Schulterzucken. Joa. Passiert. Ausnahmezustand? Nö.
Natürlich waren die Voraussetzungen in Berlin andere als in Paris oder Brüssel. Hier hat sich niemand in die Luft gesprengt, ist niemand bewaffnet auf der Jagd nach dem nächsten Opfer durch die Stadt gelaufen. Die Dimensionen sind andere und ebenso die Reaktionen.
„Wir wussten ja, dass es irgendwann passieren wird.“, ist der Tenor zahlreicher Gespräche mit FreundInnen. Sie alle berichten, dass der Anschlag in ihrem Leben keinen großen Eindruck hinterlassen hat. Angst in den Tagen danach? Fehlanzeige. Der Abend war nervenaufreibend. Aber in der Sekunde, in der für sie klar war, dass niemand aus ihrem Kreis betroffen war, war die Sache weitgehend abgehakt. Kein mulmiges Gefühl im Bauch.

Berlin hat sich geschüttelt und weiter gemacht.
Was einerseits großartig ist, weil es TerroristInnen das Geschäftsmodell versaut. Stellt dir vor, du willst Angst und Schrecken verbreiten und es passiert: nichts.
Wenn diese Reaktion also Gelassenheit ist, ist sie gut.
Ich fürchte allerdings, dass in dieser Reaktion auch eine große Portion Gleichgültigkeit steckt. Solange man nichts selbst betroffen ist, nimmt man schulterzuckend zur Kenntnis, dass da was passiert ist, aber eine wirkliche Rolle spielt es nicht so wirklich. Ob Brüssel oder Charlottenburg, welchen Unterschied macht das schon? In der Wahrnehmung vieler keinen, so scheint es.
Das wäre eine Schande.
Berlin. Das kann dir doch alles nicht egal sein?