Die Suche nach dem einen Experten und warum sie scheitern muss

In Ostdeutschland passiert etwas politisch Brisantes, wir brauchen jemanden, der uns das erklärt. Einen Experten, idealerweise einen mit Draufsicht, am besten einen von dort. Und zack, landen Redaktionen wieder und wieder bei Werner Patzelt, Politikwissenschaftler an der TU Dresden.
Für viele Redaktionen ist er der politische Erklärbär des Ostens. Was durchaus nachvollziehbar ist, denn er liefert zuverlässig, man weiß, was man bekommt, er ist gut erreichbar. Ich verzichte auf eine weitere Analyse seiner Person, denn es geht hier nicht um ihn. Es geht um das Denken dahinter.

Wir, die Redaktionen, wollen jemanden, der uns die Sache erklärt, uns, die wir meist weit weg von der Lage sind, möglichst nah an die Sache heran bringt. Dafür soll er einen guten Überblick über die Lage haben, sie analysieren, verschiedene Positionen mit einbeziehen können. Er soll die eierlegende Wollmilchsau sein, die uns erklärt, warum passiert, was passiert.
Ein Versuch, der von vorneherein zum Scheitern verurteilt ist.
Denn natürlich kann er seine Sicht der Dinge bringen, kann er erklären, wie er die Sache sieht. Er (oder seltener: sie) ist ein kluger Mensch, weiß seine/ihre Gedanken gut zu artikulieren. Aus dem Gespräch entsteht etwas, man kann etwas lernen, klar. Aber der Interviewte kann gar nicht liefern, was wir uns wünschen, den großen Draufblick. Dafür fehlen ihm viel zu viele Facetten. Oft ist er ein weißer, akademisch gebildeter Mann – und eben diese Sicht auf die Welt wird er uns präsentieren. Daran ist überhaupt nichts falsch. Aber es ist eben nur ein Ausschnitt.

Hat dieser weiße Akademiker eine Ahnung davon, wie es sich anfühlt, auf der Straße wegen seiner Hautfarbe angegangen zu werden? Nein. Er kann sie gar nicht haben. Ich als weiße Frau ebenso wenig. Und doch gehört diese Erfahrung zum Alltag in Deutschland, sie ist daher wichtig um das Gesamtbild zu verstehen.
Unsere Welt ist so vielfältig, mit so diversen Alltagserfahrungen und Lebenswelten. Doch statt diese sichtbar zu machen, reproduzieren wir als Medien oft ein Schwarz-Weiß-Bild, Holzschnitte, indem wir wieder und wieder die gleichen Experten befragen, die uns wieder und wieder die gleichen Antworten geben, weil sie aus ihrer Lebenswelt heraus gar nichts anderes erzählen können. So kann das nicht funktionieren. Der Eine, mit dem unbegrenzten Überblick, es gibt ihn nicht. Den unbegrenzten Überblick gibt es nicht, dafür ist unsere Welt viel zu kompliziert und vielfältig. Unser Job muss daher sein, diese Vielfalt sichtbar zu machen, auch durch die Auswahl unserer Gesprächspartner*innen.
Oder um es kurz zu machen: Wenn ich nochmal eine Gesprächsrunde aus Menschen mit komplett ähnlichen Lebensrealitäten sehe, platzt mir der Arsch.