Ein Jahr Podcasterin – Wie „Der Tag“ mein Leben bereichert hat

Vor einem Jahr wurde ich durch Zufall Podcasterin. Jetzt halte ich Podcasts für eines der vielversprechendsten journalistischen Formate. Was ich nach einem Jahr „Der Tag“ gelernt habe und warum ich das Projekt so liebe.

Hier entlang, um den Podcast mal zu hören

Podcasts.
Hmhm, ja, interessant. Joa, könnte ich mir vorstellen.
Als ich im Sommer 2017 zum ersten Mal mit der Idee eines täglichen Nachrichtenpodcasts konfrontiert wurde, hatte ich mit dem Medium an sich nicht viel am Hut. Trotz meiner großen Liebe zum Audio an sich, war ich in die Podcastszene irgendwie noch nicht so vorgedrungen. Ich hatte die erste Staffel Serial verschlungen, jo. Aber das war’s auch schon. Dann kam die Geschäftsleitung auf unsere Redaktion zu, wollte ein Format, warf eine grobe Vorgabe in den Raum und tjanun, dann probiert man halt rum, nech? Und schnell stellte ich fest – hey, das hat Potential, das ist richtig geil, das macht richtig Spaß. Da kann man Sachen machen, die man im streng durchformatierten Alltag nicht machen kann. Ausprobieren.
Nun wird „Deutschlandfunk – Der Tag“ am 25.09. ein Jahr alt – und ich bin so froh, dass wir dieses Format machen können. Es ist ein großes Privileg. Wegen der Möglichkeit der Herangehensweise, aber auch wegen der Hörer*innen.

Wir versuchen mit „Der Tag“ uns von der aktuellen Nachrichtenlage etwas zu lösen, Hintergründe zu beleuchten, Orientierung zu vermitteln. Warum haut sich die große Koalition in Berlin wieder die Köppe ein, was steckt da wirklich dahinter? Der Bundeswehreinsatz in Mali soll verlängert werden – okay, aber was machen die Soldaten da eigentlich? Chinas Präsident ist in Afrika, warum hat das Land denn überhaupt so ein großes Interesse an dem Kontinent? Wir bilden die Geschehnisse nicht nur ab, wir versuchen sie zu erklären, einzuordnen. Wir berichten nicht was ein Politiker sagt, wir ordnen ein, warum er es sagt, machen klar, welche Intention sich dahinter verbirgt, gleichen es mit konkreten Handlungen der agierenden Person ab.

Wir müssen über journalistische Formen nachdenken

Für mich ist das ein ganz entscheidender Punkt zeitgemäßer aktueller Berichterstattung. Wir als Journalisten dürfen uns nicht zu Sprachrohren von Politiker*innen machen lassen, damit werden wir unserer Aufgabe nicht gerecht und machen uns überflüssig. Denn ihre Botschaften kann eine Politikerin heute viel bequemer über ihre Social-Media-Kanäle ausspielen. Ein kleines Video drehen, ab auf die Plattformen – schon ist die Botschaft in der Welt. Unsere Aufgabe muss es sein, diese Botschaft einzuordnen. Warum sagt sie, was sie sagt? Und stimmt das überhaupt? Wir brauchen keinen „he said, she said“-Journalismus, in dem wir schamlose Lügen und provokante Statements von Populist*innen multiplizieren. Das entspricht nicht nur nicht unserem journalistischen Auftrag, ich halte es letztlich sogar für demokratiegefährdend. Wir müssen daher dringend überprüfen, inwieweit unsere journalistischen Formate und Herangehensweisen noch zeitgemäß sind, müssen unter Umständen einen neuen Umgang entwickeln. Gerade deshalb ist die Podcastarbeit mir so wichtig. Ich glaube, hier liegen die Chancen Dinge zu entwickeln, auszuprobieren, journalistische Arbeit transparenter zu machen und Zusammenhänge zu zeigen. Das klappt nicht immer hervorragend, aber darauf kommt es auch nicht an. Es ist ein Raum, der Platz für Neues eröffnet, in einer Zeit, in der wir uns neu aufstellen müssen.

Journalistisches Sein transparent machen, Zweifel zulassen

Unsere Arbeit als Journalist*innen zu erklären und überhaupt erstmal zu zeigen, ist für mich ein ganz entscheidender Punkt, wenn wir über Weiterentwicklung sprechen. Nicht zum Selbstzweck, sondern damit unsere Konsument*innen verstehen, wie unsere Arbeit funktioniert. Um Vertrauen zu schaffen.
Wie kommt ein Korrespondent überhaupt an seine Quellen? Warum berichten wir über einen konkreten Mordfall, obwohl wir über andere Mordfälle nicht berichten? Wieso machen wir ein Interview mit einer bestimmten Person und hat das alles so richtig gut funktioniert? Wir reflektieren unser Tun, was manchmal ziemlich schmerzhaft ist und uns nackt hinterlässt, unsere Schwächen zeigt. Doch in 95% der Fälle wissen unsere Hörer*innen genau das zu schätzen. Sie sehen, dass wir Menschen sind, die auch Fehler machen. Und sie lernen unsere Arbeitsprozesse zu verstehen. Sie verstehen, wie wir an Informationen kommen, wie wir zu Einschätzungen gelangen.

Persönlich geprägte Gespräche im Podcasts lassen deutlich mehr Platz für Graustufen, für Zweifel. Und eben dieser Zweifel ist so wichtig. Wir JournalistInnen können nicht immer so tun, als wüssten wir alles. Es macht uns unglaubwürdig. Ja, wir bieten Orientierung. Aber manchmal sind auch wir ratlos und genau das müssen wir kommunizieren. Es macht uns nahbarer, nachvollziehbarer, echter. Wir sind keine klassischen Gatekeeper mehr, keine Informationsinstanzen, die über allem stehen. Ja, wir bieten Information, Einordnung, Orientierung. Aber wenn wir die selbst nicht haben, müssen wir auch das sagen können. Es ist ehrlich und trägt der unübersichtlichen Weltlage Rechnung.

Im Podcast geben wir als Journalist*innen etwas von uns preis. Wir machen klar, wie wir zu Dingen stehen, was uns bewegt, welche Gedanken uns im Kopf herum schwirren. Korrespondenten erklären sehr deutlich, auf welcher Faktenlage sie zu ihren Einschätzungen kommen. Formulieren ihre Worte beim darüber nachdenken. Die Zuhörer*innen sind unmittelbar dabei, wenn Gedanken Form annehmen. Oft ist dies meinungsgeladener als im Programm, es bleibt aber immer auf der Basis von Fakten. Viele Hörer*innen schätzen gerade das. „Endlich verstehe ich, wie xy zu ihrer Einschätzung kommt“. Gedanken werden nachvollziehbarer. Können dadurch besser rezipiert werden.

Nicht nur senden, sondern auch empfangen

Gedanken sichtbar machen, Zweifel erkennen lassen, sich auch mal streiten – das ist für mich Kennzeichen unseres Podcastformats. Es ist das, was unsere Hörer*innen besonders schätzen. Etwas, das wir so im On-Air-Programm nicht machen (können). Leider?!
Denn das, was wir dort tun, bringt uns viel näher mit den Zuhörenden zusammen. Die wohl größte Überraschung und der größte Segen ist aus meiner Sicht unser Publikum. Durchweg wohlwollend, aber kritisch, setzen sich viele unserer Zuhörer*innen sehr intensiv mit unserem Programm auseinander. Besonders deutlich wurde dies kürzlich, als wir zunächst ein Gespräch mit einem Pegida-Vertreter und darauf ein reflektierendes Gespräch untereinander hatten. Die Reaktionen waren überwältigend. 3 Din-A4-Seiten lange, kritische Auseinandersetzungen. Doch stets wohlwollend kritisch. Beleidigungen? Eine absolute Seltenheit. Das Publikum setzt sich wirklich mit unseren Inhalten, aber auch mit unsere Positionen auseinander. Wir senden nicht nur, wir empfangen und das in einer Fülle, die für mich bisher ungekannt ist. Wow.

Genau darin sehe ich eine Stärke des Formats. Podcasts sind ein Format, in dem wir mit einem sehr persönlich geprägten Produkt hinaus gehen können, in dem wir menschlich sind und doch gleichzeitig versuchen unseren Anspruch als die Informationsinstanzen im Ohr unserer Zuhörenden aufrecht zu halten. Dafür bekommen wir so viel von ihnen zurück, können in einen Dialog treten und miteinander auseinander setzen. Eben das, was diese Gesellschaft gerade braucht. Was der Journalismus braucht, der erkennen muss, dass die reine Zeit des Sendens vorbei ist. Das testen zu dürfen, das entwickeln zu dürfen, für diese klugen Menschen da draußen senden zu dürfen – das ist ein Privileg. Podcasts sind ein Kommunikationsmittel der neuen digitalen Öffentlichkeit. Darin liegt eine unglaubliche Chance.