Podcastkritik: „Die Korrespondenten“ von NDR Info

Gänsehaut. Mal wieder dank des ARD-Hörfunkstudios in Singapur. Der Podcast von dort ist ganz großes Kino. Und auch die drei anderen Standorte von „Die Korrespondenten“ sind uneingeschränkt hörenswert. Nicht nur, weil sie zeigen wie Auslandsjournalismus funktioniert.

Was macht man eigentlich als Korrespondentin im Ausland? Warum kriegt man als deutsche Journalistin weniger leicht ein Interview mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten? Was bedeutet es von einem Studio in Indien aus auch für Afghanistan und Pakistan zuständig zu sein und wie berichtet man dann über das, was dort passiert? Wie kommt man in einem Land, dessen Sprache man nicht spricht, an Gesprächspartner:innen?
Fragen wie diese beantworten die Korrespondent:innen des NDR in gleich vier Podcasts von NDR Info. Unter dem Obertitel „Die Korrespondenten“ melden sich die Teams einmal pro Woche aus ihren Studios in Washington, London, Neu Delhi und Singapur.
Soviel will ich direkt verraten: Ich liebe diese Podcasts!
Denn es geht natürlich nicht in erster Linie um das Leben als Reporter:in, sondern vor allem um die Themen, mit denen die Korrespondent:innen sich auseinander setzen. Silke Diettrich nimmt uns mit ihrem Fernsehkollegen Peter Gerhardt mit nach Afghanistan, von wo die beiden anlässlich der Parlamentswahl berichten. Nicht etwa aus einem normalen Studio, die beiden nehmen ihren Podcast im Bundeswehrcamp in Mazar-i-Sharif auf, geschützt hinter hohen Mauern, im Hintergrund röhren die Stromgeneratoren. Die beiden erzählen, was um sie herum passiert, unter welchen Bedingungen sie berichten können und plötzlich wird die Sicherheitslage im Land für mich als Zuhörende so plastisch wie lange nicht.

Im Studio Washington spielen in den vergangenen Episoden vor allem die Midterms eine Rolle. Die Korrespondent:innen waren im Vorfeld viel im Land unterwegs und berichten von ihren Recherchen. Zum Beispiel erfahren wir, das es als deutsche Journalistin gar nicht mal unbedingt so einfach ist, Gesprächspartner:innen zu bekommen – für die sind nämlich inländische Medien viel interessanter. Und natürlich berichten sie aus den Landesteilen, in denen sie waren, von Menschen, die sie getroffen haben. Schön ist die Szene wie Sebastian Schreiber während der Aufnahme mitten in einem Wohngebiet steht und einer vorbeikommenden Frau erklären muss, warum er mit einem Mikrophon auf dem Gehweg hockt. Herrliche Momente!

Im Studio London dominiert derzeit das Thema Brexit – und wir bekommen so herrlich viele Randinformationen. Etwa darüber, wie sehr sich der Kater aus Downing Street 10 und der des Außenministeriums hassen. Vielleicht sagt das ja mehr über das Vorankommen der Verhandlungen, als vieles Politische?

Studio Singapur: Nah, menschlich, wahrhaftig

Mein absoluter Favorit ist der Podcast des Studios in Singapur, das als Standort einfach ein bisschen besonders ist. Lena Bodewein und Holger Senzel sind gemeinsam mit ihrem Sohn Johnny nach Singapur gegangen, teilen sich den Korrespondentenplatz. Und so ist der Podcast der drei nicht nur ein rein journalistisch orientiertes Produkt, er dokumentiert auch das Leben der Familie. Die drei lassen uns als Zuhörende unglaublich nah an sich heran – so nahbar habe ich noch niemanden aus der ARD erlebt.
Ich habe neulich erst die Berichterstattung von Holger Senzel aus dem Tsunamigebiet in Indonesien gelobt, doch das, was die Familie aufgenommen hat, nachdem er von dort zurück war, ist journalistisches Gold. In einer sehr persönlichen und sehr eindrücklichen Folge reflektiert Senzel seine Erlebnisse, setzt sie ins Verhältnis zu früheren Erlebnissen seiner journalistischen Karriere, in denen er auch Grenzen überschritten hat (als er das erzählte, gefror mir kurz das Blut in den Adern). Wir erfahren in dieser Folge nicht nur noch einmal unglaublich viel über die Geschehnisse im Krisengebiet von Sulawesi, wir kommen Holger Senzel als Menschen so nah. Mit all seinen Zweifeln, seinen Fehlern, seiner Ratlosigkeit, seiner Überforderung mit der Situation. Und dann kommt plötzlich der Sohn nach Hause und schnuppert am Mundschutz, den der Vater mit in das Krisengebiet genommen hatte. Eukalyptus statt Leichengeruch. Ich hatte nicht nur Gänsehaut beim Hören, mir standen die Tränen in den Augen. Vor Mitgefühl mit den Menschen auf Sulawesi und vor Ehrfurcht angesichts so viel Selbstkritik und Reflexion des Korrespondenten. Das ist ganz großes Ohrenkino.
Hört diese Episode. Denkt nach über das Reporter:innendasein, über Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Über Grenzen und deren Überschreitung. Das ist Futter fürs Gehirn, das ist Podcast in seiner besten Form.

Fazit

Mit den Korrespondent:innen-Podcasts gibt NDR Info nicht nur tolle Einblicke in die Berichtsländer, sondern vor allem machen die Studios des Senders ihr journalistisches Arbeiten transparent und nachvollziehbar. Das gelingt allen vier auf individuelle Weise verdammt gut. Und ist gleichzeitig ein gutes Beispiel für die trimediale Arbeit der Studios. Die Fernsehkolleg:innen werden nämlich ganz selbstverständlich mit einbezogen.

Schade: Vier unterschiedliche Feeds. Das ist inhaltlich durchaus nachvollziehbar, spricht man ja vor allem Zielgruppen an, die sich für die Länder interessieren. Mich als Junkie hinterlässt es etwas unbefriedigt, da ich vier Feeds überblicken muss, zudem habe ich meine Zweifel, ob das der Auffindbarkeit dient. Ich wüsste allerdings auch nicht so recht, wie ich es anders machen würde. Allerdings: Wenn schon Trennung, dann bitte auch bei der Kontaktmöglichkeit. Alle vier Podcasts verweisen auf die gleiche Mailadresse als Kontaktmöglichkeit. Das erscheint mir nicht allzu geschickt – entweder man setzt auf getrennte Communitys oder nicht.
Weiterer Wermutstropfen: Der Name – „Die Korrespondenten“ – es sind auch Korrespondentinnen dabei 😉