Podcastkritik: „1929 – Das Jahr Babylon“ vom RBB

Wie war das Leben 1929 in Berlin? Vor allem hart, das zeigt der Podcast des RBB, passend zur Serie „Babylon Berlin“. Nah an den Menschen, immer wieder mit dem echten Ton der Zeit, dank historischer Aufnahmen. Doch der Podcast verliert sich in seinem Bestreben Bezüge ins heute zu konstruieren.

„Der Winter hat Berlin fest im Griff“ – wir beginnen im Januar des Jahres 1929. Autor Volker Heise nimmt uns mit in eine eiskalte Stadt, in der ein rätselhafter Todesfall die Behörden beschäftigt. Eine Frau wird tot in ihrer Wohnung aufgefunden, Heise schildert die Ermittlungen der Polizei und nimmt uns entlang dieser mit durch Berlin. An den Schlesischen Bahnhof, zu den Ringvereinen der Stadt, die Prostitution organisieren. Ein guter erster Aufschlag, der die Hörerin in die Stadt hinein zieht.

Jede der insgesamt sechs Folgen zeigt uns andere Aspekte des Lebens in Berlin, während das Jahr voran schreitet. Im Mittelpunkt jeder Episode steht ein Kriminalfall. Anhand dessen lernen wir das prekäre Leben der Stadt kennen, den politischen Kampf zwischen Kommunismus und Sozialdemokratie, die Sexualmoral der Zeit, die Drogenszene und das Erstarken des Nationalsozialismus.

Heise arbeitetet im Podcast immer wieder mit originalen Quellen – Ermittlungsakten der Polizei, Tagebucheinträge, Briefe, die von verschiedenen Sprechern eingelesen werden und einen authentischen Blick in die Zeit vermitteln. Dazu gibt es historische O-Töne und vor allem: Viel Musik. Viele Liedtexte, die den Zeitgeist widerspiegeln. Auf diese Weise eröffnet sich der Hörerin ein großartiges, variantenreiches Bild der Zeit.

Daneben versucht Heise gezielt Bezüge in die Gegenwart herzustellen. Etwa, indem er die Pathologie besucht, um zu zeigen, dass sich Obduktionen heute im Gegensatz zu damals kaum verändert haben. Diese Bezüge funktionieren in Folge 3 „Feindliche Brüder“ ganz hervorragend. Erst lernen wir die historische Bedeutung der Demonstration zum 1. Mai kennen, dann stehen wir plötzlich mit dem Autoren auf einer Demo des Jahres 2018 und denken vielleicht sowas wie „Ach du heilige…“. Da fällt einem wie Schuppen von den Augen, was damals wichtig war und was heute wichtig ist. Wie weit wir gesellschaftlich gekommen sind – oder eben auch nicht.

Die Bezüge ins heute wirken jedoch oft gewollt. Eine echte Enttäuschung sind sie in Episode 4 „Frucht des Leibes“. Es soll darin um die neue Sexualmoral gehen, um den „neuen Frauentyp“, der in Berlin auftaucht, der sexuell deutlich emanzipierter ist. Daher besucht Heise zu Beginn eine Reproduktionsklinik und tingelt plötzlich am Wannsee herum, nur weil er historische Dokumente hat, die ein Pärchen an den See begleiten. Wie unglaublich gewollt dieser Bezug ist, wird spätestens dann deutlich, wenn der Autor in den offenen See hinaus schwimmt und reflektiert, wie er die Geräusche um sich herum wahrnimmt. Sinnhaftigkeit? Nicht vorhanden. Aber Hauptsache Bezug ins heute.

Insgesamt bleibt gerade Folge 4 weit hinter meinen Erwartungen zurück, weil es darin nicht gelingt, wirklich nah an die Menschen heran zu kommen, was gerade bei diesem Thema zwingend wäre. Natürlich ist dies bei historischem Stoff generell eine schwierige Aufgabe. Geschichten lassen sich nur so weit erzählen, wie Archivmaterial vorhanden ist. Auch hier zeigt sich über die Podcastserie hinweg, dass eben dies oft nicht in dem Maße zur Verfügung stand, um die Geschichten wirklich befriedigend zu erzählen. Vieles bleibt im Unklaren, gerade mit Blick auf die Kriminalfälle, die ja als roter Faden dienen sollen. Einer, der manchmal frustrierend dünn bleibt.

Nichtsdestotrotz: „1929 – Das Jahr Babylon“ ist ein liebevoll produzierter Podcast, mit unglaublich viel Liebe für Details. Gerade was die Produktion angeht, den Einsatz von O-Tönen und Musik, macht das Team hier sehr vieles richtig. Die Geschichten sind interessant erzählt, historisches Material wird gut eingesetzt. Als Hörerin lernt man viel über die Zeit, kann gesellschaftliche Entwicklungen viel besser einordnen. Hier bietet insbesondere Folge 6 „Die Krise“ einen gelungenen Abschluss. Einer, der auf überzeugende Weise einen Bogen ins Jetzt schlägt, weil er deutlich weniger mit dem Holzhammer stattfindet, als in anderen Folgen.

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