Schnell und unmittelbar. Audio in Krisensituationen

Audio ist ein Medium, das in der Lage ist uns zu berühren. Uns auch zu erschüttern. Das hat Holger Senzel, ARD-Korrespondent, in den vergangenen Tagen bewiesen. Aus dem Krisengebiet in Sulaswesi hat er auf eine Weise berichtet, die wir Radiomenschen inzwischen viel zu selten einsetzen: Die Reportage live on tape.

Das Prinzip ist so einfach, wie genial. Der Reporter stellt sich mitten ins Geschehen und beschreibt, was er sieht. So nimmt uns Senzel mit an den Flughafen von Palu, dessen Zerstörung er eindrücklich beschreibt.
Wir hören nicht nur die Worte des Reporters, wir hören auch die Atmosphäre vor Ort. Wie es klingt. Unser inneres Auge formt auf Basis des Gehörten die Szenerie. Wir stehen mitten drin, gemeinsam mit dem Reporter, sehen durch seine Worte das, was seine Augen erblicken. Das kann nur Radio.

In einer weiteren Reportage steht Holger Senzel am Strand, im Hintergrund rappelt etwas. Es sind die Bagger, die noch immer mit Aufräumarbeiten beschäftigt sind.
Er beschreibt, was vor Ort passiert und reflektiert das, was ihm in den vergangenen Tagen auf der Insel widerfahren ist. Was er erlebt hat, welche Menschen er getroffen, welches Leid er gesehen, welche Hilfsbereitschaft er erfahren hat. Und wieder sehe ich ihn vor meinem inneren Auge, am Strand stehend, hinter ihm die Zerstörung, von der er berichtet hat. Diese Art der Berichterstattung fühlt sich für mich als Hörerin so unmittelbar an, dass ich fast das Gefühl habe selbst vor Ort zu sein. Was vor allem an der Geräuschkulisse liegt, die mich mehr ins Geschehen hinein zieht, als Fernsehbilder das je könnten.

Wir hören diese Form von Reportage leider viel zu selten. Dabei ist sie so schnell gemacht und in ihrer Wirkung so unmittelbar. Viel mehr, als der klassische gebaute Beitrag, in dem die Reporterin ihren Text im akustisch toten Studio spricht und bestenfalls ein bisschen mitgebrachte Atmo drunter mischt. Auch diese Form hat ihre Berechtigung, ja! Aber wenn es darum geht die Hörer*innen nah an etwas heran zu bringen, ist die Reportage vor Ort viel einprägsamer. Und viel schneller. Oft eine Form aus der Not heraus, dass keine Produktionsmöglichkeiten vorhanden sind, sollten wir sie viel öfter einsetzen, nicht nur in Krisensituationen, in denen es schnell gehen muss. Wobei – sie setzt voraus, dass der/die Reporter*in mit Worten umzugehen weiß, Geschichten zu erzählen vermag. Auch das gelingt Holger Senzel in Perfektion. Seine Worte sitzen, nehmen mit, berühren. Die Kunst eines guten Reporters.

Diese Form des Erzählens vor Ort rückt den Reportierenden in den Mittelpunkt. Ich sehe durch seine/ihre Augen. Er/sie ist damit mein Gatekeeper. Es gibt keine O-Töne, keine Politikersichten, kein „he said, she said“. Der Reporter wird in der Szene zum Handelnden. Bedenkt man, dass diese Form früher allgegenwärtig war, relativiert dies aus meiner Sicht diverse Diskussionen, wie viel von sich selbst Journalist*innen einbringen sollten. Es waren schon immer ihre Beobachtungen, die uns die Welt näher gebracht haben.

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